Was können Psychologen und Ingenieure voneinander lernen?

Psychologen und Ingenieure
Psychologe und Ingenieur

Wenn ich von meinem beruflichen Werdegang erzähle, ernte ich meist überraschte Reaktionen. „Ingenieure und Psychologen, das ist doch ein riesiger Unterschied?!“. Ja, das finde ich auch. Gerade deshalb lohnt es sich über gegenseitige Lernmöglichkeiten nachzudenken.

Ingenieure: Es gibt eine real existierende Welt, in der Probleme durch Planung und Berechnung gelöst werden können.

Ingenieure arbeiten an der unbelebten Welt. Maschinen, Bauwerke, Computersysteme, chemische Reaktionen folgen den immer gleichen Naturgesetzen. Die Artefakte, also die von Menschen gemachte kulturelle Umwelt, sind „dem Menschen Untertan“. Zu unser aller Nutzen, Unterstützung und Freude; mit Konsequenzen und Kosten für Mensch, Natur und Umwelt. Diese Erfahrungswelt kann Ingenieuren ein großes Gefühl von Sicherheit und Planbarkeit im Leben geben, denn wenn ich heute ein Bauteil berechne, dann ist die Berechnung auch in 100 Jahren noch gültig. Eventuell ändern sich Rahmenbedingungen aus menschlicher Erfahrung (besserer Umwelt- oder Brandschutz zum Beispiel), aber die Naturgesetze, die der Berechnung zu Grunde liegen, werden weiter gelten. Es gibt also einen klaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Dieser wird durch Forschung und Entwicklung in mathematische Modelle der Welt gegossen und gilt dann als Wahrheit im Rahmen der vorher definierten Genauigkeitsanforderungen.

Psychologen: Unsere Erfahrung bestimmt unsere Wahrheit.

Psychologen wissen, dass unser Denken zunächst einmal in einem abgeschlossenen Raum – unserem Gehirn – stattfindet. Das Gehirn hat Fenster zur Außenwelt und bekommt durch unsere 5 Sinne Daten und Informationen aus der Umwelt geliefert. Diese Daten werden dann im „dunklen Raum“ verarbeitet. Im Gehirn gibt es keine Bilder, Töne oder Gerüche, sondern nur bio-elektrische Ströme zwischen Nervenzellen. Das beeinflusst das Verständnis von Wahrheit. Unter dem Begriff Konstruktivismus verstehen Psychologen die Tatsache, dass unser persönliches Verständnis der Welt um uns herum „nur“ eine Konstruktion in unserem Kopf ist. Denn die Sinnesdaten werden immer interpretiert und in unsere bisherigen Erfahrungen eingebettet.

Wahrheit wird damit zu einem vielschichtigen Begriff: wahr sind unsere Gefühle und Gedanken für uns selbst, denn niemand kann in unser Gehirn schauen und wissen, was dort passiert. Unsere Interpretation der Gefühle und Gedanken anderer Menschen ist hingegen immer ein Konstruktionsprozess, der auf Kommunikation beruht: wir sehen, hören, riechen, tasten den Anderen und interpretieren diese Daten mit Hilfe unserer Lebenserfahrung. Psychologen bilden also auch Modelle. Allerdings von einem unvergleichbar komplexeren System als jedem menschengemachten: dem „System Menschen“ – das leider ohne Gebrauchsanleitung geliefert wurde!

Reverse Engineering

In gewisser Weise arbeiten Ingenieure und Psychologen in entgegengesetzer Richtung: Ingenieure entwickeln eine Maschine quasi aus dem Nichts und kennen am Ende jedes Detail (wenn die Dokumentation stimmt). Psychologen haben eine fertig entwickelte Maschine vor sich und versuchen rückwärts, die Bedienung zu verstehen. Psychologen drücken quasi auf den Knöpfen rum und schauen, was dann passiert. Die frühen Verhaltensforscher der USA (sog. Behavioristen) haben das Gehirn als „Black-Box“ bezeichnet, als Rechenmaschine, die bei einer Eingabe eine Ausgabe erzeugt. Nun ist diese Gehirn-Maschine allerdings unglaublich komplex und leistungsfähig. Es gibt unzählige Variablen, die Einfluss haben und betrachtet werden müssen: Hormone, Gedanken, Sinneswahrnehmungen, fest verdrahtete Teile aus unseren evolutionär alten Gehirnbereichen, Bedürfnisse, Gelerntes, Gefühle, soziale Einflüsse, Persönlichkeit und vieles mehr. Und das Gehirn berechnet das alles gleichzeitig in verschiedenen Arealen.

Human Brain Project (EU) und BRAIN initiative (USA)

Die wahrlich unendliche Anzahl von möglichen Zuständen im Gehirn lässt mich also ziemlich skeptisch werden, wenn der Ingenieur-Weg nun das Psychologen-Ergebnis erzeugen soll. Im Human Brain Project der EU und The BRAIN Initiative der USA wird versucht, dem menschlichen Gehirn mit Computerleistung näher zu kommen. Es werden Maschinen gebaut, die sich letztlich so verhalten sollen wie Menschen. In Anbetracht der enttäuschend großen Diskrepanz zwischen Versprechungen und Resultaten der Neurowissenschaft bisher (siehe diesen Artikel in Gehirn und Geist aus dem Jahr 2014, 10 Jahre nach dem „Manifest“ der Neurowissenschaft) sind diese gewaltigen Projekte für mich Hybris und mit unserem jetzigen Wissen nicht zu bewältigen.

Natürlich sind „bunte Bilder“ aus dem Gehirn faszinierend und täuschen eine Genauigkeit vor, die nicht gegeben ist. Die genaueste Information aus einem Gehirn erhalte ich, wenn ich dem Benutzer desselben eine Frage stelle. Auf diesem Gebiet, der Psychothearpieforschung, wurden in den letzten 30 Jahren erstaunliche Ergebnisse erzeugt. Leider ohne die passenden Wohlfühlbilder, dafür aber mit positiven Resultaten für Millionen von Menschen.

Zusammenfassung

Zusammengefasst: Ingenieuer können lernen, dass soziale Systeme nicht vorherberechenbar sind. Es gibt nicht den Flirt-Tip, mit dem ich jede Frau ins Bett bekomme. Psychologen können lernen, dass die reale Welt existiert und mit detaillierter Planung positiv beeinflussbar ist – es ist nicht alles eingebildet. Beide arbeiten als sog. Scientist-Practitioner: Sie sind als Praktizierende ihres Faches auch Forscher am jeweiligen Projekt (Mensch oder Maschine) und sich damit näher, als man denken könnte.

 

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